Soester Stadtverwaltung offenbart ungewöhnliche Haltung

Ein wenig traurig ist es schon: Ende Mai 2021 mussten wir erneut einer Familie, deren Sohn auf einen Rollstuhl angewiesen ist, mitteilen, dass ein Einzug bei uns leider nicht möglich sein wird – nach aktuellem Stand. Nicht, weil wir es nicht möchten! Wir hatten der Stadt Soest von Anfang mitgeteilt, dass wir behindertengerecht und barrierefrei im Adam Quartier Soest bauen wollen.

Wir reichten also ein Gesamtkonzept für das Adam Quartier Soest ein, das unter anderem Außenaufzüge an den Gebäuden vorsah, um tatsächlich stufenlos in alle Etagen der Gebäude zu kommen. Diese Idee, die das gemeinschaftliche Wohnen mit körperlich eingeschränkten Menschen verfolgt, hat die Soester Verwaltung abgelehnt.

Zur Information: Wir sprechen beim Thema „gemeinschaftliches Wohnen“ auch von der Fürsorge von Menschen mit vorübergehenden körperlichen Verletzungen (z.B. bricht sich ein Jugendlicher beim Sport den Fuß), älteren Damen und Herren mit Gehilfen, Pflegebedürftigen sowie Krankentransporten, die zwingend liegend stattfinden müssen.

Freier Blick auf repräsentative Nazi-Architektur

Der Stadtverwaltung Soest ist der freie Blick auf ehemalige Kasernen-Gebäude wichtiger als der Blick auf den Bedarf, den Menschen beim Thema Wohnen haben: So praktisch und entlastend wie möglich, bezahlbar, gut gelegen, schön gestaltet und gesund bewohnbar – und zwar für alle!

Das sieht die Verwaltung in Soest anders. Wortwörtlich klingt das so im Behördendeutsch:

„Die Außenaufzüge beeinträchtigen das Baudenkmal, mit einer repräsentativen Gestaltung der nationalsozialistischen Architektur, erheblich.“

So steht es im offiziellen Schreiben an uns:

Da wir es kaum glauben konnten, dass Nazi-Architektur wichtiger sein soll als der Zugang zu unseren Mietwohnungen für körperlich eingeschränkte Menschen, haben wir (unter anderem in Video-Konferenzen) bei den Verantwortlichen wiederholt erfolglos nachgehakt und um Erklärung gebeten.

Es ist deswegen eine bemerkenswerte Situation, weil die Stadt Soest diese angeblich so schützenswerten Denkmäler eigentlich komplett abreißen wollte – bis wir kamen und die Gebäude kauften.

Abriss denkmalgeschützter Gebäude? So geht’s

Wie das geht, denkmalgeschützte Gebäude einfach abzureißen? Mit einem einfachen Trick: Man erklärt die Sanierung des Denkmals für unwirtschaftlich, dann geht alles ruckzuck. Alte Gebäude weg (Denkmal ist wurscht) und neue Gebäude hin.

Das ist eine paradoxe Vorgehensweise.

Gerade der Erhalt von historischer Bausubstanz ist besonders wirtschaftlich, denn immerhin stehen die massiven Gebäude in unserem Fall schon 80 Jahre und halten auch locker nochmal 80 Jahre.

Und was ist eigentlich los mit Ökologie, Nachhaltigkeit und CO2,-Bilanz bei einem Abriss bis runter zu den Fundamenten? Wir erkennen keinen Sinn.

Wir haben die Blöcke 4, 5 und 7 gekauft, weil wir Denkmäler lieben. Diese Räume bieten ein besonderes Raumklima, sie wirken durch ihre Großzügigkeit und die in Stein gegossene Geschichte. Wir wollten sie vor dem Abriss retten, weil sie besonders sind!

Man hat uns im Laufe der Gespräche Blödsinn vorgeschlagen, zum Beispiel Innenaufzüge zu bauen. Damit würden wir noch viel mehr „repräsentative, nationalsozialistische Architektur“ zerstören und Rollstuhlfahrerin oder Schüler mit gebrochenem Bein müssten weiterhin Treppen überwinden, um in das Gebäude zu kommen. Ach so, und viel teurer ist es zusätzlich – und schon kommt die Stadt wieder mit einer „guten Idee“, diesmal für Block 7: Abriss als mögliche Option einer Verwertung des Grundstücks: Nachweis der Unwirtschaftlichkeit.“ 

So steht es in der nachfolgenden E-Mail an uns:

Wir halten also fest: Außenaufzüge für körperlich eingeschränkte Menschen? Nein!

Abriss eines Denkmals? Na klar, sofort, wenn es sich nicht rechnet.

Hier ein Bonmot aus der letzten Videokonferenz:

Behörde: „Wir müssen möglichst viel des Denkmals erhalten.“

Armand Adam: „Moment, Sie wollten es doch abreißen?!“

Behörde: „Das war, bevor Sie es gekauft haben.“

Wir stellen seit drei Jahren fest:

Gute Visionen und Lösungen für akute Wohn-Probleme können nicht umgesetzt werden, weil Behörden und politische Vertreter lieber Stillstand wählen, als intern konkurrierende Verbotsvorschläge zu einer vernünftigen Antwort abzustimmen. Wir warten seit 13 Monaten (Stand 22.07.2021) auf eine offizielle Antwort auf unseren Bauantrag – welchen wir dann entsprechend ohne Außenaufzüge gestellt haben!

Wir haben eine Mission, die ernst gemeint ist. Wir bauen bezahlbaren Wohnraum für Menschen, die an einem gemeinschaftlichen Zusammenleben interessiert sind. Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Was ist Ihnen als Bürgerin oder Bürger der Stadt Soest wichtig? Wie wollen Sie leben? Schreiben Sie uns oder hinterlassen Sie hier einen Kommentar.