12. Oktober 2019: Adam Quartier Soest – Mitwohnen heißt Mitmachen

Da ist sie: Festnetznummer mit Soester Vorwahl. Ich klicke auf „FrauKellner“ und lausche dem Klingelton.
„Frau Rahtgens?“ krächzt jemand in den Hörer.
Kurz bin ich perplex.
„Jaaaaa, hallo Frau Kellner! Woher wissen Sie, dass ich es bin?“ frage ich geradeaus. Ich weiß, dass Frau Kellner ein uraltes Festnetztelefon besitzt und Handynutzung verweigert.
„Ich hab jetzt eins mit Display, wissen se. Da kriegt man die Nummern angezeigt. Und aus München kenn´ ich sonst keinen“, antwortet die Rentnerin mit breitem Soester Dialekt. „Es ist gut, dass Sie anrufen, Frau Rahtgens. Meine Tochter fragt schon, wann ihr denn endlich anfangt zu bauen? Die haben ihr eigenes Haus neben dran fast fertig und bei euch passiert ja gar nichts. Da hat sie Recht. Hab ich auch gesehen.“

Touché.

Von außen betrachtet, passiert im Adam Quartier Soest nix.
Von innen? Herrje. Unser Team arbeitet auf Hochtouren mit Vollgas. Zusammen mit der Stadt Soest.
„Das verstehe ich. Für Sie und Ihre Familie muss es so aussehen, als ob wir dem Gras beim Wachsen zusehen…“, beginne ich.
Eigentlich will ich noch mehr sagen, aber Frau Kellner lässt mich nicht.
„Wissen Sie, Frau Rahtgens, das Problem ist folgendes: Ich werde nicht jünger. Davon haben Sie jetzt noch keine Ahnung, aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf?“

Ich antworte daraufhin gar nichts, weil ich vermute, dass das eine rhetorische Frage ist. Wir kennen uns so langsam.
Frau Kellner redet weiter:
(hab ich´s doch gewusst!)
„Es kommt der Zeitpunkt, da haben Sie keine Lust mehr, zu warten. Da nehmen Sie die Dinge selber in die Hand. Wenn Sie das Gefühl haben, dass andere Leute nicht in die Hufe kommen, da machen Sie folgendes: Sie gehen los. Sie gehen voran. Sie machen´s einfach!“
Ich schweige andächtig nickend, ein paar Sekunden lang.
Dabei frage ich mich in Lichtgeschwindigkeit:

Wie soll ich der topfitten Rentnerin erklären, dass wir die gefundenen Altlasten nicht einfach selbst rausklöppeln können? Dass es eine ganze Zeit gedauert hat, ein Unternehmen zu finden, das die Beauftragung zur Entsorgung durchführt?

Die Häuserblöcke im Adam Quartier Soest stehen außerdem unter Denkmalschutz. Wir wollen so viel Bausubstanz der alten Gebäude erhalten, wie nur möglich. Dabei steht das Wohngefühl unserer zukünftigen Bewohner genauso im Vordergrund, wie das der übrigen Anwohner. Frau Kellner soll wissen, dass ihre Tochter im Einfamilienhaus nebenan genauso von einer Mobilstation auf unserem Gelände profitieren würde, wie sie selbst. Wenn man sich jeden Tag bequem ein E-Auto oder E-Fahrrad bei Bedarf mieten kann, macht das den Alltag auf einmal sehr viel leichter. Oder „intelligente Mülltonnen“, die nicht hässlich auf der Straße herumstehen, sondern gut gekühlt in der Erde verschwinden, wo sie niemand sieht oder riecht.

Ich möchte Frau Kellner davon erzählen, dass ihr Wunsch nach einem Mal- und Werkraum in greifbare Nähe rückt. Im ehemaligen „Block 7“ soll „Co-Working und Co-Living“ für alle Anwohner des Quartiers entstehen. Für alle Soester, wenn sie wollen. Räume, in denen produktiv gearbeitet und sich zwischendurch erholt werden kann. Und nicht nur da: Auch die Gärten im AQS werden ein Ort sein, an dem Menschen zusammenfinden –  oder in der Natur Ruhe finden.

Es ist für jeden etwas dabei, wenn er nur einen Leitgedanken mit trägt: GEMEINSAM bauen wir das, was lebenswerte Zukunft bedeutet. In der Gegenwart begonnen, hier und heute.

Da kommt mir die Lösung aus der Schweigeminute heraus entgegen gesprungen.
„Frau Kellner!“
„Na, ich dachte schon, Sie hätten aufgelegt“, sagt dieselbe so trocken, wie es nur eine Westfälin kann.
„Wissen Sie was, wir erzählen Ihnen alles in Ruhe. Bei Kaffee, Kuchen und Schnittchen. Tragen Sie sich mal den 12. Oktober 2019 im Kalender ein. Das ist ein Samstag. So gegen 10 Uhr? Bis zum Mittagessen sind wir fertig. Es kommen noch ein paar andere Leute, die 2021 vielleicht auch bei uns einziehen. Wir tragen mal alles zusammen, was bislang passiert ist. Wir nehmen jede Idee persönlich auf und sprechen darüber. Bis dahin wissen wir auch, was gebaut werden darf – und was nicht. Manche Dinge kann man leider nicht einfach machen. Es braucht Entscheider, die Visionen von gesundem Miteinander erkennen und aktiv unterstützen.“

Ich höre geschäftiges Gruscheln am anderen Ende.
„Ist eingetragen. Was ist mit meiner Freundin Edith?“ fragt Frau Kellner.
„Edith darf auch gerne kommen, wenn Sie mitwohnen will. Wir schicken ihr gerne eine Einladung zu, aber dafür müsste sie sich einmal bei Frau Kloers melden. Datenschutzgründe, wissen Sie? Man darf heutzutage nicht einfach Leute anrufen oder anschreiben“, antworte ich.
„Ja, natürlich. Die Edith ruft bei Euch an. Und Frau Rahtgens?“
„Ja?“
„Das wird aber im kleinen Rahmen gemacht, oder?“ will sie noch wissen.
„Ja. Keine Massenveranstaltung. Versprochen“, sage ich und hebe die Hand zum Schwur. Sieht Frau Kellner durch´s Telefon zwar nicht, aber das ist meinem Impuls egal.

„Gut. Das kann ich nämlich nicht brauchen. In so einem anonymen Wohnblock wohne ich grade, da brauch ich nicht den nächsten. So vom Regen in die Traufe.“
„Das verstehe ich. Dann sehen wir uns…“
Jäh wird mein Abschiedsversuch unterbrochen.
„Ach, noch was: Ich komme mit dem Pablo“, sagt sie entschlossen.
„Wunderbar, wir reservieren einen Stuhl mehr. Sie sagen ihm, dass das eine Mitmachveranstaltung ist?“, frage ich noch.
Frau Kellner lacht schallend.
„Frau Rahtgens, der Pablo, der ist doch mein Hund!“
Jetzt lache ich mit.
„Na gut. Wir stellen einen Wassernapf hin und halten Hundekekse bereit.“

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